Zwischen Gesellschaftskritik und Humor
Rachel Intervention im Interview

Leonard Damhorst Interviews 23.01.2021

Rachel, du machst bereits seit einigen Jahren Drag. Was fasziniert dich dran?
Drag ist für mich eine Art und Weise mich auszudrücken; auf ganz vielen verschiedenen Ebenen: primär natürlich künstlerisch, das bedeutet etwas auf die Bühne bringen zu können, Menschen unterhalten zu können und aber auch für mich ein Ventil zu haben, mich auszuleben.

Über die letzten Jahre habe ich allerdings gemerkt, dass das Ganze auch stark zu meiner Identität gehört. Es ist Ausdruck von Geschlechtsidentität. Trotzdem ist es für mich vor allem ein künstlerisches Outlet, in dem ich meine Kreativität und meine dummen Gedanken ausleben kann.

Aber warum genau Drag? Wenn ich einen Leistungssportler fragen würde, warum er seinen Sport auslebt, wird er mir auch sehr wahrscheinlich sagen, weil er sich genauso am besten Ausleben kann. Warum hast du dich für die Kunstform Drag entschieden, um dich auszuleben?
Ich habe mit 13 Jahren begonnen bei Musicalproduktionen mitzuspielen. Ich stand also tatsächlich als Typ recht viel auf der Bühne. Dann habe ich irgendwann übers Internet Shows wie „RuPaul's Drag Race“ entdeckt.

Davor war meine einzige Assoziation zu Drag Olivia Jones und so gerne ich sie auch mag, war das für mich keine Inspiration, selbst mit Drag anzufangen. Da sie eine komplett andere Ästhetik hatte und ich sie vor allem als Businessfrau und weniger als Performerin gesehen hab. Das war also für mich nie wirklich ein Auslöser, sondern eher das Eintauchen in eine Welt, wie sie mir bei RuPaul‘s Drag Race präsentiert wurde, und zu sehen, was Drag alles sein kann. Drag als Kunstform zu sehen, mit all seinen Facetten, dass hat mich einfach unglaublich angesprochen.

Ich hab davon dann immer wieder Freunden erzählt, die dann irgendwann meinten, ich könnte dass auch mal ausprobieren, weil das einfach richtig gut zu mir passen würde. Ich hab das dann immer lachend verneint, aber habe es dann irgendwann, dadurch dass ich mich immer mehr dafür interessiert habe, bei einer meiner letzten Musicalaufführungen zum Ende der Show ausprobiert.

Ich bin damals komplett in Drag aus Spaß auf die Bühne gegangen. Heute würde ich sagen, dass das weniger Drag war und ich eher aussah wie ein Autounfall. Die Leute haben das damals so gefeiert, dass ich gedacht habe: „Okay, ich glaube das hat Potential“

Du hast eben RuPaul‘s Drag Race und Oliva Jones erwähnt: Was genau zeichnet dich als Dragqueen aus, was zeichnet deine Drag Persönlichkeit aus?
Rachel ist Comedian. Wenn ich Shows mache, mache ich StandUp Comedy. Wenn ich beispielsweise Lip Sync mache, dann kann man davon ausgehen, dass ich nicht irgendwie einen Song runterperforme, sondern dass da immer ein Augenzwinkern dabei ist. Es ist teilweise auch recht bescheuert, was ich auf der Bühne mache. Außerdem mache ich viel mit Spoken Word. So etwas ist in Deutschland recht selten. Allgemein gibt es hier recht wenig Comedymädels. Ich sage immer, Rachel ist zum einen dieses weibliche, dieses sexy Aussehen und dann nimmt sie einfach das Mikrofon in die Hand und ist total bescheuert.

Die Dragkunst findet ihre Ursprünge bei Shakespeare. Da damals keine Frauen auf die Bühne durften, haben sich Männer DRessed As a Girl auf die Bühne begeben. Was hat Drag heute noch damit zu tun?
Ich glaube, das ist von Künstler zu Künstler unterschiedlich. Drag ist heute im Allgemeinen eine Kunstform, die Geschlechterrollen in Frage stellt. Drag zerknüllt die Linie, die über Jahrhunderte zwischen den gesellschaftlichen Konstrukten „Mann“ und „Frau“ gezogen wurde und streut darauf noch Konfetti drauf. Die Aussage hinter Drag ist heute, dass Gender, also soziales Geschlecht, nur ein Konstrukt ist.

Ich achte bei mir als Dragqueen tatsächlich schon sehr darauf „weiblich“ auszusehen und ein klares Bild zu erzeugen. Aber natürlich gibt es auch Dragqueens, die etwas ganz anderes darstellen, wie zum Beispiel ein Alien. Drag ist heute eine völlig andere Kiste als damals. Drag ist heute eine Kunstform, sodass es auch Frauen und nicht binäre Personen gibt, die Drag machen. Es geht nicht mehr darum nur einen Zweck zu erfüllen, wie eben damals zu Shakespeare, sondern Drag geht heute in ganz viele Richtungen und kann alles mögliche sein.

Inwiefern würdest du sagen, dass Drag wichtig für unsere Gesellschaft ist?
Das ist schwer zu sagen, ich denke, dass Kunst einfach unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft ist. Drag ist eine Kunstform und ich denke Kunst war immer schon wichtig für unsere Gesellschaft, weil Kunst immer aufgezeigt hat, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Ich glaube unser geschlechtliches Denken ist immer noch so festgefahren, sodass Leuten es teilweise gar nicht mehr auffällt, wie sehr in unserer Gesellschaft feststeht, wie ein Mann oder eine Frau sich zu verhalten hat. An der Stelle kommt Drag und sagt „Hey, ich kann viel mehr sein. Ich kann mit ein bisschen Make-Up und Kostümierung schon jemand völlig anderes sein.“ Wir müssen uns also fragen, was sind das für Strukturen, wenn ich diese schon durch etwas Make-Up aufbrechen kann.

Wenn du sagst, du lebst dich als Dragqueen aus, hast du dann auch manchmal das Bedürfnis, außerhalb der Bühne Rachel zu sein oder ist Rachel eine reine Bühnenfigur?
Es ist für mich kein Schalter, den ich umlege um Rachel zu sein. Rachel ist ein Teil meiner Identität. Drag hat meinen Blick auf die Art und Weise, wie ich meinen Lifestyle führe, stark verändert. Ich hab mich früher als kleiner Junge immer sehr dafür geschämt, wenn mir Sachen gefallen haben, die eigentlich für Mädchen bestimmt waren. Ich habe nicht verstanden, warum ich nicht auch Sachen tragen darf die aus der Damenabteilung sind, wenn sie mir gefallen. Denn im Grunde bleibt ein grauer Pullover ein grauer Pullover, egal in welcher Abteilung er hängt. Da hat Drag meinen Blick sehr erweitert. Wenn mir heute etwas gefällt, dann ziehe ich es einfach an. Wenn ich Bock habe mir die Fingernägel zu lackieren, dann mache ich das, einfach weil ich es schön finde. Ob ich dabei in Drag bin oder nicht, ist mir egal. Ich möchte damit gegen keinen rebellieren, ich möchte mich einfach schön finden. So hat Drag mich als Person deutlich in meinem Selbstbewusstsein bestärkt.

Wie sehr glaubst du, leidet unsere Gesellschaft unter diesen Geschlechterkonstrukten?
Wir bekommen eben von klein auf eingetrichtert, wie wir zu sein haben. Wir kriegen als Mann eingetrichtert, dass man stark sein soll, dass wir über jedem Schmerz drüber stehen müssen, dass wir nicht über unsere Gefühle sprechen sollten, weil wir sonst als verweichlicht gelten oder als Frau kriegst du zum Beispiel eingetrichtert, du sollst dich bedeckt halten, solltest keine Männertypischen Sportarten machen, weil du sonst als zu männlich giltst. Und dann fragen wir uns Jahre später, warum wir nicht einfach das machen, was uns glücklich macht, warum reden wir nicht über unsere Gefühle oder machen den Sport, der uns Spaß macht?

Lass uns mal ein Experiment aufmachen: Stellen wir uns vor, dass in Zukunft jeder Mensch in der Schule einmal ausprobiert haben soll, wie Drag ist. So wie im Sportunterricht eben auch ganz viele verschiedene Sportarten ausprobiert werden. Glaubst du das hätte einen Impact auf die Gesellschaft und würde sie voranbringen?
Auf eine gewisse Art auf jeden Fall. Ich würde natürlich nicht pauschal sagen, jeder sollte mal Drag ausprobieren, weil ich mir natürlich keine Konkurrenz ins Haus holen möchte. Aber ich denke, dass würde schon den Blick erweitern (lacht).

Wenn du zum Beispiel in Drag mal in einem Club warst, dann sammelst du Erfahrungen, die du als Typ nie sammeln würdest. Weil du plötzlich ungefragt von Leuten angefasst wirst, dir irgendwelche Sprüche anhören musst oder du auf dein Äußeres reduziert wirst. Sachen, die Frauen total häufig passieren; Männern in ihrer privilegierten Position eher selten erleben. Zwar werden Männer auch sexuell belästigt, Männer müssen sich aber nicht pauschal Gedanken machen, wenn sie nachts alleine nach Hause laufen.

In Drag wurde ich schon öfter nachts verfolgt, das sind Momente, in denen du merkst „Fuck, in was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?“ Mich hat das total in meiner Wahrnehmung geschärft, sodass ich, wenn ich im Club jemanden sehe, wo ich denke, der benimmt sich irgendwie verkehrt, der könnte jemanden anfassen oder sonstiges, dann gehen bei mir die Alarmglocken an.

Ich glaube in der Schule muss nicht jeder mal Drag ausprobieren, aber es muss einem beigebracht werden, was ist Transphobie, was ist Homophobie, was ist eigentlich Geschlechtsidentität, was ist sexuelle Identität und wie differenziert sich das. In der Schule sollte einem mehr beigebracht werden, was Respekt ist und wie wir uns respektvoll gegenüber anderen Personen verhalten.

Zum Schluss: Was ist deine Botschaft an die junge, queere Community?
Überstürzt keine Entscheidungen. Ich glaube wir werden heute so dazu gezwungen sexuelle Erfahrungen zu machen oder sich zu outen. Gerade was das Outing betrifft, überstürzt nichts. Wenn du dich nicht sicher fühlst, bau dir ein Save-Place auf. Wenn du einen Safe-Place hast und keine Gefahr mehr siehst, dann oute dich.

Es gibt so viele Dinge, die ich jungen Queeren gerne mitgeben würde, aber das Wichtigste ist, hört nicht auf queer zu sein! Seid Stolz darauf!

Ich durfte Rachel als sehr engagierte, aber vor allem auch sehr lustige Person kennenlernen. Mir ihrer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor hat sie eine Kunstfigur geschaffen, die gesellschaftliche Konstrukte aufbrechen kann, ohne dabei abgehoben zu sein.

Wenn du mehr über Rachel wissen willst dann, schau gerne auf ihrem Instagram unter „interventionrachel“ vorbei.

Ein Beitrag vom
Queer Content Network e.V.