Ich kann auch nackt sein, ohne Sex zu haben
„Schwanz & Ehrlich”-Podcaster Michael Overdick im Interview

Leonard Damhorst Interviews 29.01.2021

Micha, du trittst in deinem Podcast unter dem Titel „Hobby Exhibitonist“ auf und bist auch seit einigen Monaten als privater Webvideoproduzent im pornografischen Bereich auf Onlyfans unterwegs: Woher kommt dieses Bedürfnis sich auszuziehen?
Ich habe schon als Kind gemerkt, dass ich lieber nackt als angezogen bin. Tatsächlich laufe ich aber Zuhause gar nicht so viel nackt rum. Ich liebe es es einfach nackt zu schwimmen oder nackt am Meer, am Strand oder am See zu liegen. Bei so etwas stört mich einfach Stoff und ich finde man kann das was man hat gerne zeigen. Manchmal sind Klamotten einfach überflüssig.

Ist das ganze für dich lediglich etwas sexuelles oder hast du auch sonst das Bedürfnis dich auszuziehen?
Klar, nackt sein ist etwas sexuelles, aber ich kann auch einfach nackt sein, ohne Sex zu haben oder mit einer Latte irgendwo rumzulaufen. Meistens ist es bei mir eher eine Frage der Bequemlichkeit und auch ein eigenes „Körperliebe-Ding“.

Geht es dir dabei darum für dich nackt zu sein oder eher darum nackt gesehen zu werden?
Na, klar ist da irgendwo eine narzisstische Ader hinter. (lacht) Natürlich geht es mir auch darum gesehen zu werden, aber in erster Linie geht es mir um Freiheit. Ich muss kein großes Publikum haben um nackt zu sein. Ich habe auch gerne Momente für mich, wo ich für mich alleine nackt bin, einfach weil ich mich sonne oder schwimme. Also es muss kein Publikum da sein, aber es ist natürlich schöner. (lacht)

Für dein öffentliches Nacktsein wurdest du bereits öfter kritisiert, »geslutshamet«, was hat das mit dir gemacht?
Ich selber habe noch keine krasse negative Erfahrung gemacht. Tatsächlich ist mir noch nie jemand direkt blöd gekommen. Aber ich habe immer wieder über Dritte etwas gehört, mir hat nie jemand frontal etwas ins Gesicht gesagt. Zum Beispiel wurden meine Videos öfter auf Partys gezeigt.

Ich frage mich immer, in was für einer Gesellschaft sind wir angekommen, in der es schlimm ist, pornografische Inhalte zu produzieren oder nackt zu sein. Ich finde es krass, dass es immer noch viele Menschen so unterhält, dass sie eine Party unterbrechen, um sich untereinander Videos von anderen zu zeigen, anstatt einfach Spaß zu haben.

Ich finde es so krass, dass es manche Leute immer noch so schockiert und es in der Gesellschaft immer noch so ein Tabuthema ist, öffentlich nackt zu sein. Da muss nochmal etwas passieren!

Warum glaubst du hat unsere Gesellschaft so ein Problem mit Nacktheit?
Ich glaube bei den meisten Menschen ist es eine Mischung aus Scham und Erziehung. Ich glaube niemand wird mit dem Gedanken großgezogen, dass er wann und wo er will nackt sein kann. Ich glaube diese FKK-Zeit ist vorbei. Das war in den 80ern und danach wurde es wieder zum Tabuthema. Ich glaube, dass viele Lust darauf haben, sich aber nicht trauen.

Du beschäftigst dich in letzter Zeit viel mit Nachhaltigkeit. Hast du manchmal das Gefühl, die Welt hat ein gestörtes Schamgefühl, wenn sie etwas völlig natürliches wie Nacktheit kritisiert, es aber okay findet große Autos zu fahren und riesige Luxuskreuzfahrten zu machen?
Voll! Das ist ein stark verschobenes Weltbild. Wenn ich nackt am See liege, tue ich keiner Fliege etwas zuleide und tue auch der Umwelt nichts. Aber sich einen SUV zu kaufen und sich jeden Monat ein neues iPhone zuzulegen, ist viel schlimmer für die Umwelt und damit auch für uns als Menschen. Damit stellen wir viel schlimmeres an, als zum Beispiel einfach nur nackt zu sein.

Gerade der Jugendschutz wird oft als Kritikpunkt deiner Arbeit aufgezeigt, wie stehst du dazu?
Auf jeden Fall müssen wir auf unsere Jugend aufpassen. Aber es gibt schließlich „nackt sein“ und „pornografisches nackt sein“, das muss man unterscheiden. Es gibt einen Unterschied zwischen sich öffentlich einen runterzuholen und irgendwo öffentlich nackt am See zu liegen.

Es gibt Momente, da darf man nackt sein und es gibt halt auch Momente, da ist es nicht angebracht nackt zu sein. Aber ich finde gerade die Jugend darf nicht mit so einer krassen Scham aufgezogen werden. Und auch Sex darf nicht als großes Tabuthema dargestellt werden. Ich meine jeder hat Sex.

Ich lerne super viele Menschen kennen, die nicht so offen damit großgezogen worden sind, super schambehaftet sind und mich fragen, wie ich es schaffe, so offen damit umzugehen. Und ich denke mir, da ist doch nichts bei, du machst es doch auch im Schlafzimmer...

Ich glaube sobald du über Sex aufgeklärt bist, ist es ganz wichtig darüber offen zu reden. Ich glaube, da kann man nicht alt oder jung genug für sein.

Hast du noch eine Botschaft an die junge queere Community?
Ich glaube es ist extrem wichtig, sich auch mal selbst nackt im Spiegel zu betrachten und zu erkennen, dass du das selbst bist. Wenn dich irgendwas an dir stört dann ändere aktiv etwas daran. Die Welt steht dir offen, keiner verbietet dir heute etwas. Sich selber lieben und sich selber so akzeptieren wie man ist, ist glaube ich das beste, was man für sich tun kann. Und im Alltag hilft es dir auch extrem viel, wenn du ein gesundes Selbstbewusstsein und Körpergefühl hast und im Sexualleben tatsächlich auch. (lacht)

Meine wichtigste Botschaft ist, sich selbst zu lieben!

Ein Beitrag vom
Queer Content Network e.V.