Die eigene Position nutzen
Berry von Hollywood Tramp im Interview - über Gewalt in der Schulzeit, die Initiative "Jeremy" und seine gesellschaftliche Verantwortung als Influencer.

Hanno Hinnrichs Interviews 29.01.2021

Berry - bereits ein paar Monate ist es her, da hast Du im Rahmen Deines Podcasts die Initiative "Jeremy" gestartet. Erzähl doch einmal kurz, was Dich zu dem Projekt bewegt hat.
"Jeremy" baut auf einer Erfahrung auf, die ich als Jugendlicher in der Schule gemacht habe, wo ich von zwei Lehrerinnen gemobbt wurde. Ich war am Boden zerstört, habe das aber in dem Moment alles gar nicht so richtig verstanden. Erst später mit den Jahren habe ich dann wirklich gemerkt, was da passiert ist. Im Oktober habe ich eine Podcast-Folge gemacht, wo es um meine Schulzeit ging. Dabei habe ich mir gedacht, dass ich damals eigentlich auch sowas wie ein Codewort gebraucht hätte, um Hilfe zu bekommen - ohne mich erklären zu müssen. Die Initiative ist also gleichzeitig mit der Podcast-Folge entstanden.

Welche Zielgruppe hat das Projekt? Zuerst war es ja ausschließlich für queere Jugendliche angedacht.
Das Problem ist natürlich, wenn du ein Codewort nur für LGBTIQ+-Jugendliche hast, outen sie sich, sobald sie es benutzen. Dann weiß jeder: "Das benutzen nur Schwule und Lesben". Außerdem dachte ich, es ist blöd das so einzugrenzen. Warum macht man's nicht für alle Jugendlichen? In erster Linie ist es die Möglichkeit, mit dem Codewort "Jeremy" zu derjenigen Lehrkraft zu gehen, der du am nächsten stehst. Die weiß dann Bescheid und bringt dich an die richtige Adresse – Vertrauenslehrer:innen, Schulpsycholog:innen oder Beratungsstellen, je nachdem wie es in der Schule gehandhabt wird. Das Problem ist, dass Jugendliche im Schnitt 7-8 Erwachsene ansprechen müssen, um tatsächlich Hilfe zu bekommen. Das liegt auch oft daran, dass sie gar nicht in Worte fassen können, was passiert ist. Nehmen wir mal den schlimmsten Fall: Jemand wurde vergewaltigt. Wie soll denn ein Kind einem/einer Lehrer:in erzählen, was da passiert ist? "Jeremy" ist ein Schlüssel, um schneller an Hilfe zu kommen.

Wie war denn das bisherige Feedback auf die Initiative?
Das Feedback war unfassbar. Das war die erste Podcast-Folge, die ich komplett alleine gemacht habe. Dadurch, dass ich so offen gesprochen habe und so viel aus meiner Kindheit erzählt habe, waren ganz viele Menschen total berührt. Es haben sich viele Lehrkräfte gemeldet, die meinten: "Wenn ich an meine Schule schaue, sehe ich diese Lehrer:innen, die du beschreibst auch in meinem Kollegium". Das liegt jetzt vielleicht so 15-20 Jahre zurück, es hat sich also gar nichts geändert. Das Feedback war von allen Seiten enorm - von Eltern, von Lehrkräften, von Leuten, die in den zuständigen Behörden sitzen. Das Problem ist, dass die Aktion durch Corona nun ein bisschen stecken geblieben ist. Es gab einen Hype und jetzt warten alle, das etwas passiert - und das wird es auch. Das Ding ist noch nicht abgefrühstückt.

Wie soll die Umsetzung nun weiter verlaufen? Mit fritz-kola hast Du ja bereits einen großen Partner an Bord.
Von Anfang an war geplant, dass die Sache irgendwie publik gemacht werden muss. Du kannst den offiziellen Weg nur schwer gehen. Das dauert Jahre - du musst ins Ministerium, du musst die Politik davon überzeugen, die dann wiederum dafür sorgen muss, dass wirklich jedes Bundesland das von oben herab an die Schulen gibt. Das ist einfach nicht zu schaffen, schon gar nicht für jemanden wie mich, der mit Politik eigentlich nichts zu tun hat. Ich dachte, man muss den Weg eigentlich andersherum gehen: Die Initiative durch TV und Medien bekannt machen und dafür sorgen, dass die Schulen das eigenständig umsetzen. Es gibt mittlerweile einige Schulen, die Interesse haben, das Konzept als Pilotschule umzusetzen. Wir wollen einen Infotag machen, wo ich mit Kamerateam und Fotograf:innen an die Schulen komme, damit wir auch Material haben und die Medien darüber berichten können. In einer Phase, wo die Schulen mit Corona zu kämpfen haben, kannst du jedoch keine Massenveranstaltungen machen. Wir warten jetzt auf weitere Lockerungen, hoffentlich zum Sommer hin.

In Deinem Podcast hast Du viel von persönlichen Erfahrungen berichtet - von Rassismus, von Body-Shaming. Welche Rolle spielen solche Erfahrungen für Deine Arbeit?
Ich glaube, das ist das A und O. Alles, was mich bewegt und interessiert, spiegle ich in meinem Blog wider. Ich würde beispielsweise nie über einen Film schreiben, der mich so gar nicht berührt. Das ist auch hier so. Es muss schon alles ein bisschen autobiografisch sein, auch beim Thema Rassismus - ich als Flüchtling, der in den 80ern hergekommen ist. Ich bin zwar hier aufgewachsen, war aber immer der Ausländer für die Leute. Ich habe viel erlebt. Auch die Jeremy- Geschichte lebt von dem, was mir damals in der Schule passiert ist.

Aus Angst vor weiteren Ausgrenzungserfahrungen, hast Du Deine Sexualität damals noch geheim gehalten. Hat sich die Situation für queere Jugendliche seitdem verändert?
Ja, ich glaube schon. Damals fehlten halt auch diese Vorbilder. Ich wusste vieles nicht, weil es niemanden in der Medienlandschaft gab, der das repräsentiert hat. Heute kannst du dir einen YouTuber, Instagrammer, TikToker suchen, der geoutet und schwul ist und das total selbstbewusst auslebt. Du kannst dir ein bisschen was davon abgucken oder dich auch darin bestärkt fühlen, du selbst zu sein. Ich merke auch selber, dass mich Leute anschreiben, weil sie durch mich selbstbewusster wurden und sich vielleicht sogar geoutet haben. Das hatte ich damals alles nicht. Auf der anderen Seite passiert jetzt digital ganz viel Mobbing, das ist natürlich auch gefährlich. Durch Social Media hast du einen anderen Druck und bist den Leuten anders ausgeliefert.

Auf Deinem Blog und in Deinem Podcast behandelst Du immer wieder auch gesellschaftsrelevante Themen. Wie wichtig sind Dir die politischen Dimensionen Deiner Arbeit - oder geht es doch nur um Lifestyle?
Also eigentlich geht's um Botschaft. Ich habe mit dem Blog angefangen, da wirkte das noch eher wie ein Magazin. Ich habe mich nie selber präsentiert. Die Leute dachten, da sitzt eine Redaktion mit 12 Leuten und die machen halt dieses "Hollywood Tramp". Irgendwann habe ich gemerkt, dass man auch ein bisschen Persönlichkeit braucht und zeigen muss, wer dahintersteckt. Ich will aber auch nicht dieser Blogger sein, der dann nur seine geilen Outfits und sein Frühstück präsentiert. Ich habe ja viel zu erzählen und auch viel durchgemacht, daher war es mir immer wichtig, meine Botschaft zu zeigen. Ich glaube, dass auch bei anderen Influencer:innen der Trend dahin geht. Natürlich behandle ich auch Themen, die sind total oberflächlich und belanglos. Dieser Trash holt die Leute aber auch ab und dann kann ich ihnen in der nächsten Folge ein Thema vorsetzen, was sie sonst umgehen würden. Ob politisch oder gesellschaftskritisch, ich finde es wichtig, dass man die eigene Position auch wirklich nutzt.

Die Podcast-Folge sowie alle weiteren Infos unter:
https://www.hollywoodtramp.de/jeremy/

Ein Beitrag vom
Queer Content Network e.V.