Hamburger Drag Queen Valery Pearl im Interview
über ihren Werdegang als Drag und was Corona mit ihr gemacht hat

Jannik N. Interviews 15.08.2021

Mit ihrer Musik und ihrem fantastischen Charakter begeistert die Hamburger Drag Queen und DJane bereits seit 20 Jahren ihre Fans und Zuschauer.

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Was machst du hier auf dem Großstadt Open Air eigentlich?
Auf dem Großstadt Dschungel bin ich einer der Personen*, die dieses Event mit hostet und zur späterer Stunde werde ich dann noch mit DJ Sunshine auflegen. Hier auf dem Gelände haben wir den 136° Flor (das ist der Elektro Flor) und den Wunderbar Flor (der Pop Flor). Auf diesem werden wir auflegen und von regulärer Pop-Musik bis hin zu den typischen Pride-Hits alles durchspielen. Hauptsache gute Laune Musik!


Was machst du Hauptberuflich, wenn du nicht gerade als Valery die Partys unsicher machst?

Valery ist zwar ein sehr fester Bestandteil meines Lebens! Hauptberuflich bin ich allerdings seit 20 Jahren in einem großen schwedischen Modeunternehmen angestellt. 


Wie lange benötigst du, um dich von Dennis in Valery zu verwandeln?  

Das ist ganz unterschiedlich! Zum einen die Zeit - ich sage Mal in der Regel plane ich 2 ½ Stunden ein. Es kann natürlich auch schneller gehen, das sieht man dann allerdings auch.

Die Verwandlung führe ich meistens selbst durch. Ab und an gibt es aber auch Momente, wie z. B. Als ich meine Musikvideos gedreht habe, an denen mir dann geholfen wird.
Ich habe allerdings einen guten Freund, der professionell Perücken baut. 


Was möchtest du als Valery erreichen? 

Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich ein bestimmtes Ziel vor Augen habe. Übergreifend sicherlich schon. Ich möchte etwas für die Community tun und durchaus positive Dinge bewirken. Wenn ich zB. Zurückdenke, an das Jahr 2015 als viele Menschen mit Fluchthintergrund zu uns gekommen sind, habe ich es schon als meine Aufgabe und auch Pflicht gesehen, dort zu helfen und unterstützend zu wirken, andere Menschen zu motivieren sich ebenfalls zu engagieren, spenden zu sammeln - einfach die Willkommenskultur aufrecht zu erhalten. 


Welche ist deine persönliche Drag Heldin? 

Jeder findet sich natürlich selbst am besten (lacht), aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen…. RuPaul. Ich finde es unglaublich großartig, wie lange diese Person im Geschäft ist und was sie alles erreicht hat. Ansonsten gibt es da noch Marry, die kennen bestimmt nicht mehr die allermeisten, aber in den 90ern gab es die Marry & Gordon Show in der ARD (später die Marry Show). Sie war die erste Person, die ich im Fernsehen als Drag gesehen habe. Das war schon ein sehr einschneidendes Erlebnis. 


Absolute Ikone ist und bleibt natürlich RuPaul. 


Ist Drag für dich eher eine Kunstform oder gar eine Lebenseinstellung? 

Drag zu sein, ist für mich durchaus eine Lebenseinstellung!

Es ist etwas, sage ich, wo man reinwachsen muss. Das tut man nicht alleine, das tut man mit seinem Umfeld und bei all dem was entsteht, entsteht auch eine Lebenseinstellung.

Ich könnte zB. nicht von heute auf morgen aufwachen und sagen: “Ab sofort mache ich das nicht mehr!”.

Ich habe mir extra meine Valery Initialen hinters Ohr tätowiert, weil ich wusste, wenn ich irgendwann Mal sehr sehr alt und grau bin, was noch sehr sehr lange dauern wird (lacht), und ich es aus welchem Grund auch immer nicht mehr machen kann, trage ich es trotzdem noch bei mir.


Wie bist du mit den Corona Regelungen umgegangen?
Die Einschneidungen die durch Corona auf uns zukamen, waren für mich ehrlich gesagt anfangs ziemlich hart. Wir hatten am ersten Februar Wochenende 2020 noch eine Party und ich bin wirklich ein Partykind - es geht wirklich nicht ohne! Und dann zu realisieren, dass es nicht mehr geht, war einfach nicht leicht.

Aber ich wusste mir zu helfen und habe an einem Donnerstag im März meine “Balcony Session” ins Leben gerufen. Das war der Abend, an dem die Gastronomie hier in Hamburg schon um 18 Uhr komplett schließen musste und um 18 Uhr stand ich mit meiner Stereoanlage die ich noch aus den 90er Jahren habe, habe dort mein Macbook angeschlossen, nicht wissend ob es überhaupt funktioniert, habe mich als Valery fertig gemacht und auf dem Balkon aufgelegt. Das ganze hat ca. 20 Minuten gedauert. Dann kam die Polizei und hat mich gebeten aufgrund einer Ruhestörung den Auftritt abzubrechen. 

Dabei habe ich allerdings den Tipp bekommen, dass ganze noch einmal am Wochenende zu probieren. Also stand ich am Samstag Abend wieder auf meinem Balkon und habe aufgelegt - diesmal ohne Unterbrechungen.


Und am Ende habe ich dann 40 Wochen lang jeden Samstag Abend aufgelegt.

40 Wochen - 40 Mal.


Mein Ziel war damit, aus der Situation etwas positives rauszuholen und den Menschen etwas mitzugeben. Ich wollte diese Stille einfach nicht akzeptieren. Und das hat wunderbar funktioniert!


Wie stehst du zu Veranstaltungen in der Corona Zeit?

Also meine Einstellungen zu Partys in der Corona Zeit sind gerade jetzt aktuell wo wir ja auch in den Werten eher unten sind stehe ich dem ganzen eigentlich sehr offen gegenüber. 

Ich finde wir brauchen Partys bzw. Veranstaltungen aus den verschiedensten Bereichen.

Solange es natürlich kontrolliert und unter Einhaltung aller Auflagen geschieht, Sehe ich da ehrlich gesagt kein Problem.  Es müssen jetzt nicht direkt 100.000 Menschen auf einem Fleck sein, aber so langsam müssen wir den Knoten auch Mal zum Platzen bringen.

Ohne, dass wir etwas versuchen, kann man ja auch nicht merken ob es sich positiv oder negativ entwickelt. 


Wo kann man dich überall treffen?

Eigene Shows mache ich bspw. Nicht. Ich bin eher der klassische Partyhost und Mitorganisator von Partys. Dass heißt, wenn wir nicht gerade Corona haben, trifft man mich auf fantastischen Partys der Pink Inc. Und der NoLimit - das ist eine 90er Party.

Trotz alledem, dass jetzt gerade keine Partys stattfinden, kann man mich jederzeit antreffen. Denn ich habe die Corona Zeit auch dafür genutzt, mich neu zu erfinden und habe angefangen zu Singen. Und zusammen mit Pauli Spirit habe ich schon zwei Songs und einen großartigen Remix veröffentlicht.


Wie kamen deine beiden Songs bei den Fans an?

Die beiden Songs sind wirklich großartig angekommen. Die Herausforderung ist nur, dass die aktuelle Situation das arbeiten mit den Songs selbst sehr schwierig macht.


Ich habe “Tanz mit mir” aufgenommen - ein wie ich finde wirklich unglaublich guter und starker gute Laune Song und “Dance with me” als Englisch sprachiges Duett zusammen mit David A. Tobin - ein unglaublich toller Soulsänger ist einfach ein unglaublich guter gute Laune Song geworden. Das Feedback auf beide Lieder war gigantisch. Das eben angesprochene Problem in den letzten Monaten ist einfach, dass es keine Möglichkeiten gab, diese auch vor Publikum zu spielen. Aber das ändert sich ja heute Abend (lacht).


Möchtest du der Community noch etwas mitgeben?

Was ich der Community mitgeben möchte ist, dass man immer positiv bleiben und denken sollte, wirklich den Spaß und die Freude am Leben nicht zu verlieren. Auch, wenn die letzten Monate nicht die einfachsten waren sollte man seine Kontakt pflegen wie eine zarte Pflanze, fröhlich durch die Welt ziehen und natürlich meinen Song kaufen (lacht).



Wir danken Valery für Ihre Zeit und der Wunderbar Hamburg sowieso 136° für die Bereitstellung der Räume während der Veranstaltung.